Junge
Welt, 14.07.2004, Interview: Daniel Behruzi
Netzwerk für Grundeinkommen gegründet: Wie dem Trend
zum Arbeitszwang begegnen?
Michael Opielka leitet das Institut für Sozialökologie in Königswinter
und ist Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Jena. jW
sprach mit ihm
F: Zeitgleich mit der Verabschiedung der »Hartz-IV«-Gesetze im Bundestag
haben Sie in Berlin das »Netzwerk Grundeinkommen« mitgegründet. Welche
Ziele hat sich der Zusammenschluß gesteckt?
Das
Netzwerk soll Wissenschaftler und Einzelpersonen aus Verbänden, Gewerkschaften,
Arbeitslosen- und Sozialhilfeinitiativen sowie kirchlichen Gruppen
zusammenführen, die sich für die Idee eines garantierten Grundeinkommens
einsetzen. Das sind viele Akteure, die aber in Deutschland bislang
recht versprengt waren. Auf europäischer Ebene gibt es ein solches
Netzwerk hingegen schon seit mittlerweile 18 Jahren.
F:
Soll das von Ihnen vorgeschlagene Grundeinkommen ausnahmslos jedem
zustehen?
Ja.
Darauf, nach welchem der verschiedenen Modelle dies geschehen soll,
hat sich das Netzwerk noch nicht festgelegt. Wir haben uns aber auf
bestimmte Kriterien geeinigt, die wir für notwendig halten: Das Grundeinkommen
muß existenzsichernd sein, es muß einen individuellen Rechtsanspruch
geben, eine Bedürftigkeitsprüfung darf nicht Voraussetzung für den
Bezug sein und es darf kein Arbeitszwang damit verbunden werden.
F:
Sie haben gesagt, das Grundeinkommen müsse existenzsichernd sein –
gibt es da konkrete Vorstellungen?
Was
existenzsichernd ist, hängt von vielen Faktoren ab: davon, ob es vom
Ehepartner und Verwandten unabhängig ist, ob die Mietkosten ganz,
pauschal oder gar nicht übernommen werden, ob Kindererziehung, Bildung,
Krankenversicherung usw. Extrakosten verursachen. Das Grundeinkommen
muß in jedem Fall höher sein als die heutige Sozialhilfe bzw. das
künftige Arbeitslosengeld II.
Innerhalb
des Netzwerks wird die Niveaufrage noch recht unterschiedlich gesehen.
Auf der europäischen Ebene liegt die Forderung zumeist zwischen 50
und 60 Prozent des jeweiligen nationalen Durchschnittseinkommens.
F:
Wie stellen Sie sich die Finanzierung vor?
Es
ist klar: Wenn das Grundeinkommen individuell ist und jedem zusteht,
bedeutet das immer eine Umverteilung von oben nach unten. Wie weit
die am Netzwerk beteiligten Gruppen bei dieser Umverteilung gehen
wollen, ist unterschiedlich.
Im
Moment wird aber in die andere Richtung umverteilt. Wie wollen Sie
bei dem derzeitigen Trend zu Sozialabbau und Arbeitszwang eine solche
Kehrtwende durchsetzen?
Aus
diesem Grund haben wir das Netzwerk gegründet. Uns ist klargeworden,
daß es nicht reicht, im akademischen Zirkel zu wirken bzw. wenn jede
Gruppe getrennt vor sich hin arbeitet. Dem Trend zum Arbeitszwang
und einer Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen nur entsprechend
der Leistungsfähigkeit am Markt will das Netzwerk entgegentreten.
Wir halten das Grundeinkommen für ein Bürger- und sogar Menschenrecht,
das nicht davon abhängen darf, welchen Beitrag der einzelne für die
Gesellschaft leistet.
Welche
konkreten Aktivitäten planen Sie?
Wir
werden auf Veranstaltungen anderer Organisationen, ob von ATTAC, Gewerkschaften,
auf Kirchentagen und wissenschaftlichen Kongressen, für die Idee des
Grundeinkommens werben und auch eigene Veranstaltungen, Tagungen und
Kongresse zum Thema organisieren. Hinzu kommt in wenigen Wochen ein
Internetforum unter www.grundeinkommen.de.