Marko
Forberger - update:
09.08.2004
|
[aktuelle]
Grund
für Grundeinkommen
Hartz IV hat die Debatte um das Existenzgeld neu belebt
Von Susanne Götze, Dresden
Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ist in Deutschland
nicht neu. Dennoch ist das Modell des Existenzgeldes im Zuge der
Hartz-IV-Gesetze in der Linken wieder in die Diskussion gekommen.
Schon vor gut 22 Jahren begann in Deutschland die Debatte um ein bedingungsloses
Einkommen, dass jedem Bürger zustehen soll. Seitdem ist viel Zeit
verstrichen. Außer einigen linken Splittergruppen, die sich temporär
dem Thema annahmen, schien die Forderung nach einem Grundeinkommen,
das unabhängig von Alter, Vermögenslage und Leistungsanforderungen
an jeden Bürger vergeben werden soll, in Vergessenheit geraten zu
sein. Doch
im Mai dieses Jahres begann sich das schlagartig zu ändern. Auf dem
Perspektivenkongress, der Mitte Mai an der Technischen Universität
Berlin stattfand, organisierten Vertreter vom Runden Tisch der Erwerbslosen
und Sozialhilfeorganisationen drei sehr gut besuchte Seminare zum
Thema »Mindesteinkommen für alle!«.
»Hartz
IV mit klaren Alternativen begegnen«
Aus den Seminaren heraus wurde im Juni das »Deutsche Netzwerk Grundeinkommen
für alle« gegründet, in dem nun der Runde Tisch, der Freie Zusammenschluss
der Studierenden (FZS) und das globalisierungskritische Netzwerk Attac
vertreten sind. Anne Alex, eine der Mitbegründerin des Netzwerks und
Expertin in Sachen Existenzgeld, berichtete in einem Workshop im Rahmen
der Attac-Sommerakademie stolz über die Wiederbelebung des Projektes.
Ihre Hoffnung ist, dass mit dem neuen Netzwerk eine Kampagne für die
Forderung nach einem Mindesteinkommen für alle ins Leben gerufen wird.
Sie will dem »Sozialkahlschlags-Gesetz« Hartz IV mit einer klaren
Alternative begegnen.
Alex, die auch für die Arbeitslosenzeitschriften »Quer« und »Express«
schreibt, beschäftigt sich seit Anfang der 80er Jahre mit verschiedenen
Modellen der Grundversorgung. Am meisten bekannt sind das Bürgergeld
(FDP), die Grundsicherung (SPD, Grüne, DGB) sowie das Grundeinkommen.
Im Gegensatz zum letzterem beinhaltet das Modell der Grundsicherung
in den meisten Fällen keine Entkopplung von Einkommen und Arbeit,
das Einkommen unterliegt einer Bedürftigkeitsprüfung und gilt außerdem
nur für einen eingeschränkten Personenkreis. Seit 1980, berichtete
Alex, seien von Bündnis 90/Grünen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund
und der SPD verschiedenste Modelle einer Grundsicherung erarbeitet
worden. Zwar ging die Idee der Grundsicherung nie soweit wie die sozialen
Forderungen eines Grundeinkommens (Existenzgeld), so Alex, aber Hartz
IV sei das unterste Niveau einer Grundsicherung und als Ergebnis einer
»sehr langen Debatte« völlig inakzeptabel, erklärte Alex den Seminarteilnehmern
auf der Sommerakademie. Deshalb sei es jetzt besonders wichtig, das
Modell des Grundeinkommens als Gegenmodell ins Rennen zu schicken.
Die Verbindung der Existenzgelddebatte mit dem Widerstand gegen Hartz
IV hat aber auch ihre Fallstricke. Viele Gegner von Hartz IV, wie
große Teile der Anti-Hartz-Bündnisse, der Gewerkschaften und auch
der radikalen Linke können mit der Alternative Existenzgeld aus unterschiedlichsten
Gründen nichts anfangen. »Gegen Hartz IV zu sein, heißt nicht automatisch
für ein Grundeinkommen einzutreten«, betonte Seminarleiterin Alex.
Existenzgeld
ist nicht gleich Existenzgeld
Ein weiteres Problem ist die heterogene Zusammensetzung des »Deutschen
Netzwerkes Grundeinkommen für alle«. Denn auch Existenzgeld ist
nicht gleich Existenzgeld. Auch hier stehen verschiedene Ideen zur
Debatte. Zwei der renommiertesten Modelle sind die von Katja Kipping
(PDS) initiierte Kampagne »1000-für-alle« und eine 2003 von Ronald
Blaschke vorgestellte Erarbeitung. Kernpunkt der Existenzgelddiskussion
innerhalb des gebildeten Netzwerkes ist der Streit um die Höhe der
Zahlungen. Anne Alex tritt für 850 Euro pro Monat einschließlich
Wohn- und Krankenversicherungsgeld ein. »Damit liege ich wohl über
allen Forderungen« fügt sie verschmitzt hinzu. Alex hofft auf eine
baldige Einigung der Netzwerkmitglieder, da nur »klare Forderungen
echte Alternativen sein können«.
(ND
07.08.04)
|