Grundeinkommensdebatte
in Dresdner Kult-Kino
Linkskatholiken und Linksradikale vereint
gegen den „Sowjetmenschen Paulus“
Von
Jens-Eberhard Jahn (Freiberg/ Leipzig)
Trotz des warmen Sommerwetters waren über 100 Menschen dem Aufruf
der Initiative www.1000-für-alle.de in die Dresdner Schauburg gefolgt.
Im großen Kinosaal verbreiteten sie die nach einem sonnigen Sommer-Sonntag
zu erwartenden Gerüche. Zum zweiten Mal fand hier am 1. August in
der Dresdner Neustadt – diesmal am Rande der attac-Sommerakademie
– eine Podiumsdiskussion zum Thema Grundeinkommen statt.
Caren
Lay, an diesem Abend Moderatorin und sonst zurzeit vor allem PDS-Kandidatin
für die Landtagswahlen in Sachsen, stellte das Podium vor: Katja
Kipping – stellvertretende Bundesvorsitzende und ebenfalls Kandidatin
der PDS -, Ronald Blaschke – Sprecher der sächsischen Armutskonferenz
-, Ralf Welter – Ökonom und Vertreter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung
KAB – und Andreas Exner von attac/Österreich.
Erste Frage von Caren Lay an Ronald Blaschke:
Warum eine eher utopische Grundeinkommensforderung statt konkreter
Proteste gegen Hartz IV?
Blaschke: Ein Grundeinkommen sei die Alternative zu Hartz IV und
auch deshalb aktuell!
- Die Gesellschaft lebe im Überfluss und von Überproduktion, die
Produktivität steigt ständig, aber Nutznießer dessen seien nur Wenige.
- Die Folge: Zerstörung der Natur und Produktion um des Profits
willen.
- Der Sozialstaat sei zum Repressionsinstrument gegenüber Menschen
geworden, die ausgegrenzt werden sollen. Ein Hartz IV-Opfer sei
dann de facto kein Bürger mehr.
- Je mehr Druck auf die solcherart Marginalisierten ausgeübt werde,
desto mehr wachse der Druck auch auf die Mittelschicht. Der Existenzkampf
der Einzelnen untergrabe die Demokratie, da die Muße zum Denken
von Alternativen fehle.
Das Kapital könne flüchten, der „Arbeitnehmer“ müsse aber – wo auch
immer – zum Überleben seine Arbeitskraft verkaufen. Mit einem Grundeinkommen
aber werde er weniger erpressbar, ein Grundeinkommen befördere auch
Arbeitszeitverkürzung, schaffe damit Arbeitsplätze und gleichzeitig
Freizeit zum Nutzen derer, die sich ihr Leben wieder aneignen wollen.
Exner, Autor von „Dead man working“, formulierte nun eine radikale
Kritik der Arbeit: Wir arbeiteten um zu arbeiten. Die Forderung
nach mehr Wachstum sei eine Drohung. Ohne Geld leben zu können,
müsse die Forderung sein. Jedoch müsse man sich alles holen, was
die Titanic des Kapitalismus vor ihrem Untergang noch abwerfen könne,
daher auch ein Grundeinkommen. Er formulierte folgende Thesen:
- Nie wieder werde es Vollbeschäftigung geben können.
- Die Arbeitsgesellschaft sei ohne Zukunft.
- Arbeit sei Terror, da Arbeit eine Tätigkeit sei zum Zweck der
Vermehrung des Kapitals durch Vernutzung der Lebenszeit. Mensch
sei im Kapitalismus nur der, der seine Arbeit verkaufen kann.
- Leben (heute nur durch Einkommen möglich) müsse von der Arbeit
daher entkoppelt werden.
- Eine Welt jenseits von Geld und Arbeit und Ware sei zu gewinnen,
daher dürfe man bei der Grundeinkommensforderung nicht stehen bleiben.
Das Ziel sei der Aufbau der Produktion auf kooperativer Grundlage
ohne Arbeit, Geld und Warentausch.
Dies roch nach Krisis, weshalb Caren Lay sich wunderte, weshalb
auch ein Katholik auf dem Podium säße. In ihrer katholischen Sozialisation
habe sie gehört „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, stünde
in der Bibel. „Falsch!“ rief jemand aus der Schwüle des Saales,
„im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen“, hieße
es da. Ralf Welter, KAB-Vertreter und Verfasser eines gerade erschienenen
Buches zum Grundeinkommen, brachte ein drittes Bibelzitat und begann
seinen Beitrag mit dem Gleichnis vom Himmelreich: Die Arbeiter im
Weinberg erhalten alle den gleichen Lohn, unabhängig davon, wie
lange sie geschuftet hatten. Ausgangspunkt Welters, der sich für
die soziale Marktwirtschaft aussprach, war die Triade der Arbeit
aus Arbeitsmarkt, Eigen- und Familienarbeit und Gemeinwesen-bezogener
Arbeit. Er zitierte den linkskatholischen Sozialethiker Nell-Breuning,
der schon vor 20 Jahren die 30-Stunden-Woche für realistisch hielt,
falls produktivitätsbezogen entlohnt werde. Orientieren könne man
sich an den Niederlanden und Dänemark, wo es einen Mindestlohn und
gezielte Arbeitszeitverkürzung gäbe. Nur durch Arbeit, so Welter,
könne ein Grundeinkommen finanziert werden, daher dürfe man keine
Absage an die Wertschöpfungsgesellschaft erteilen. Allerdings –
nach Fr. Hengsbach – leben wir zurzeit unter unseren Verhältnissen.
Die KAB starte deshalb eine Kampagne: Gutes Leben für Alle! Am Grundeinkommen
führe dazu kein weg vorbei. Damit wären auch Viele nicht mehr gezwungen
zu arbeiten. Eine mögliche Folge davon wäre, dass unangenehme Arbeiten,
die heute im Niedriglohnsektor angesiedelt seien, hochbezahlt werden
würden, gäbe es ein Grundeinkommen. Die KAB fordere ein Grundeinkommen
seit über zehn Jahren.
Schließlich erläuterte Katja Kipping, PDS, ihre Forderung nach 1000
für Alle. Dies sei die Armutsschwelle inklusive Krankenversicherung
und Wohnkosten. Ein Grundeinkommen sei gleichermaßen ein staatlicher
Lohnzuschuss, da eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich
für viele Betriebe und öffentliche Arbeitgeber nicht durchführbar
sei. Kipping glaube an die Möglichkeit einer gesellschaftlichen
Transformation durch ein Grundeinkommen, das finanzierbar sei durch
Wegfall der bisherigen Transferleistungen, durch Einsparungen (allein
durch weniger staatliche Repression) und durch Konsumsteigerung,
denn ein Grundeinkommen erhöhe schließlich die Massenkaufkraft.
Das BIP betrage zurzeit über 2 Billionen Euro, der Finanzbedarf
für ein Grundeinkommen liege bei einer Billion. Da dies erheblich
sei, müsse ein Grundeinkommen schrittweise eingeführt werden. Ein
Grundeinkommen für Rentner oder Kinder sei auch politisch leichter
durchsetzbar als eines für Alle. Zunächst wolle und müsse Katja
Kipping die Forderung nach einem Grundeinkommen in ihrer Partei
durchsetzen.
Das
Publikum erinnerte im Folgenden an frühere Grundeinkommensforderungen
bei den Grünen, empfahl die Revolte und erkannte das Schreiben von
Bewerbungen als Verschwendung von Lebenszeit. Unterschiedlichste
Positionen wurden geäußert.
Vom Podium hatte man vier Positionen gehört, vier Plädoyers für
ein Grundeinkommen. Der Pluralismus wurde als Stärke erkannt: Erstmals
gäbe es eine Koalition von Katholiken über sozial Bewegte und Sozialisten
bis zur radikalen Linken, die in einer wesentlichen Forderung einig
ist.
Eine Kontroverse indes dauerte an: Nein, „wer nicht arbeitet, soll
nicht essen“, das stünde nicht in der Bibel, sondern in der sowjetischen
Verfassung, korrigierte ein Herr aus Dresden zuvor Geäußertes.
Eine Rentnerin suchte den kleinsten gemeinsamen Nenner: „Wir brauchen
ein Grundeinkommen, denn wir brauchen mehr Zeit für die Liebe!“
Auch wenn die Moderatorin dies als Schlusswort stehen ließ, lässt
uns der Streit über das sowjetische Verfassungs- bzw. Bibelzitat
keine Ruhe: Wer hat das denn nun gesagt?
Die Sowjets haben den Spruch offensichtlich direkt aus dem Neuen
Testament in ihre Verfassung übernommen: Urheber ist der Apostel
Paulus, nachzulesen in seinem zweiten Brief an Timotheus, Kapitel
3, Vers 10. Dies deutet an, dass sowohl von linker als auch von
christlicher Seite noch etliche Argumente gegen ein Grundeinkommen
zu hören sein werden. Was kann man da tun? Zitieren wir, trotz Hartz
IV und obwohl ein Grundeinkommen die Alternative dazu ist, entgegen
dem Trend also, abschließend einen Sozialdemokraten zum Thema wer
nicht arbeite, solle nicht essen: „Im Mund der frühen Arbeiterbewegung
war dieser Spruch ein Argument gegen die Ausbeuter - gegen Couponschneider
und Landrentiers -; in anderem Sinn haben ihn nur Reaktionäre und
Faschisten benützt." (Peter Glotz 1986: "Freiwillige Arbeitslosigkeit?
Zur neueren Diskussion um das 'garantierte Grundeinkommen'",
in: Opielka & Vobruba (Hrsg.), Das garantierte Grundeinkommen.
Entwicklung und Perspektiven einer Forderung. Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch, 1986, 135-148, 138).
Dem
ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.